Dienstag, 20. Juni 2017

Leseprobe 99 Tage mit Julie von Franziska Erhard



Im Rahmen der Blogtour darf ich euch heute eine Leseprobe anbieten. Vielen lieben Dank liebe Franziska Erhard für die Bereitstellung der Leseprobe :) 

Leseprobe


Nachdenklich ließ Paul die Blätter sinken. Das war gut. Diese Julie hatte, wie sie ihm so charmant zuflüsterte, als Lewien vorher kurz die Sitzung unterbrochen hatte, tatsächlich ihren Arsch gerettet. Seinen wahrscheinlich mehr als ihren eigenen. Denn das hätte sie nicht tun müssen. Er hatte fast erwartet, dass sie heute sagen würde, dass es an ihm lag, dass er nicht genug Einsatz brachte. Sie hätte ohne Weiteres die Wahrheit sagen können, nämlich dass alles, was sie bisher hatten, auf ihrem kreativen Mist gewachsen war. Dass sie das nicht getan hatte, rang ihm beinahe Hochachtung ab. Immerhin war sie zäh, zäher als gedacht. Was ein Problem war.
»Du machst es ihr nicht leicht.« Wieder einmal hatte sein Freund die Fähigkeit bewiesen, lautlos heranzuschleichen.
»Was soll das heißen?« Hatte sie sich doch noch über ihn beschwert, draußen vor der Tür?
»Ich bin lange genug im Geschäft. Du hast es versprochen. Du hast eingewilligt, es auf diesem Weg zu probieren. Und nun lässt du sie hängen.«
»Sagt wer?«
»Sage ich. Keine Angst, Julie hat nichts gesagt, aber ich bin nicht blind. Du kennst das hier«, er wedelte mit dem Exposé durch die Luft, »gar nicht. Du hast es nicht einmal gelesen.«
»Ich konnte nicht.«
»Paul, wir beide, wir sind Freunde geworden in den letzten fünfzehn Jahren. Ich schätze dich und dein Talent. Allerdings muss ich das jetzt sagen: Das hier ist deine Chance. Wenn es dir nicht völlig egal ist, dann solltest du sie nutzen. Wirf nicht alles weg. Reiß dich zusammen und fange an zu arbeiten.«
»Ich weiß, was du für mich getan hast. Und ich bin dir dankbar. Aber vielleicht sollten wir die Augen nicht vor der Realität verschließen. Es ist vorbei. Ich bin vorbei. Und diese Idee, als Duo zu arbeiten, ist Schwachsinn. Schon gar mit dieser Frau.«
»Gerade mit dieser Frau. Hast du das gelesen? Das ist gut. Das hat alles, was es braucht, um ein Erfolg zu werden. Bring deine Seite ein und mach das Buch zu einem Bestseller.«
»Und wenn nicht?«
»Nun, wir haben einen Vertrag. Du wirst ihn erfüllen.«
Wieder nickte Paul. Es war das erste Mal, dass Lewien es direkt aussprach. Er hatte mehr als eine Schuld ausstehen und Lewien hätte ihm diese Chance nicht geben müssen. Ein Vertragsbruch war unter normalen Umständen schon genug. Ihm hatte man einen Weg angeboten, aus der Misere zu kommen.
»Such mir eine andere Partnerin, dann fange ich an.«
»Sie hat ebenfalls einen Vertrag. Und sie ist die Richtige.« Eine kurze Pause, dann lächelte Lewien. »Das ist es. Sie ist nicht unterwürfig genug. Sie ist nicht sofort deinem Charme verfallen. Sie gibt dir Kontra, anstatt dich anzuhimmeln.«
»Nein.« Doch. Diese Julie war offensichtlich unbeeindruckt von ihm, mehr noch, sie war genervt. Eine Erfahrung, die er so noch nicht gemacht hatte. Eigentlich standen die Frauen auf seine Art. Zumindest die Frauen, die er in letzter Zeit gedatet hatte. Maria nicht, fuhr es ihm durch den Kopf. Maria hätte seine Art nicht gemocht. Aber Maria war jetzt auch mit einem netten, soliden Mann verheiratet.
»Ich tue das nicht gern, aber ich sehe keinen anderen Weg.« Frank Lewien holte ihn aus seinen Gedanken und seine Stimme klang nicht gerade verheißungsvoll. »Und besonders nicht ihretwegen, denn sie wird auch nicht begeistert sein, wenn sie es erfährt. Ich hoffe mal, dass sie wirklich so zäh ist, wie wir denken.« Er holte tief Luft. »Du wirst jetzt nach Hause fahren und deine Koffer packen. Mein letzter Versuch, dich und dieses Projekt zu retten.«
Paul hörte sich mit zusammengezogenen Augenbrauen an, was ihm bevorstand. Und je länger er zuhörte, desto schlimmer wurde es. Er biss die Zähne zusammen und nickte. Dann spürte er ein Knirschen hinten links im Backenzahn und einen Schmerz, der sehr gut zur Situation passte.






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